Rezensionen

Samantha Shannon: Der Orden des Geheimen Baumes – Die Magierin

(Werbung – Rezensionsexemplar)

Selten habe ich auf eine Neuerscheinung so hingefiebert wie auf die Übersetzung von Samantha Shannons ‚The Priory oft he Orange Tree‘. Im englischsprachigen Raum mit Lob überhäuft, habe ich Großes erwartet. Und als dann die ersten Meinungen kamen, die alles abdeckten von unglaublich und toll bis verwirrend und langweilig, hatte ich ein bißchen Angst, dass mir die Geschichte nicht gefallen wird. Aber Gott sei Dank war das nicht der Fall. Ich liebe die Geschichte, den Erzählstil, die Protagonisten (zumindest ein paar). Ruhig, episch-ausschweifend, sehr komplex und ein opulentes Worldbuilding zum Niederknien!

Ruhig ist ein gutes Stichwort. Es gibt High Fantasy, die lebt von ihren Schlachten, Kämpfen und der vielen Action. Und es gibt Bücher wie ‚Der Orden des geheimen Baumes‘, die ohne das auskommen – und es trotzdem schaffen, mich schier an den Seiten kleben zu lassen. Es ist die Epik, die mich fesselt, das Ausschweifende. Sei es im Erzählstil oder im Worldbuilding. Ersterer ist sehr metaphorisch und bildhaft, gehoben und dem Setting angepasst, denn die Autorin gebraucht teils altertümliche Wörter, die vor allem in Adelskreisen Verwendung finden und passen. Und trotz alledem liest sich die Geschichte sehr flüssig und nimmt mich total ein.
Schließlich: Das Worldbuilding. Unglaublich. Eine Karte des Westens ist im Buch abgebildet, die des Ostens nicht. Es gibt sie aber und ich hoffe, dass sie im zweiten Teil abgebildet sein wird. Denn ich liebe Karten, vor allem, wenn sich die Geschichte wie hier an mehreren Schauplätzen abspielt. Die Welt an sich ist aber gar nicht das, was mich so umgehauen hat. Also nicht das Physische. Eher die Geschichte, die hinter der Geschichte steht, die Legenden, die Religionen, die Überzeugungen und Ansichten der Bewohner der verschiedenen Teile der Welt. Deren Glaube an das Tugendtum und dem Namenlosen Einen als die Verkörperung des Bösen bzw. genau anders herum. Die unterschiedlichen Schöpfungsgeschichten, auf denen die Glaubensrichtungen beruhen. Die Meinungen, die aufeinandertreffen, Konflikte schüren und Missverständnisse schaffen. Wessen Überzeugung ist die richtige? Die ewig große Frage der Menschheit, hier verpackt in ein komplexes High-Fantasy-Werk, voll mit Drachen und anderen magischen Wesen und Kreaturen.

Die Geschichte selbst wird an verschiedenen Orten im Westen und Osten, später auch im Süden, erzählt und wir folgen im Grunde vier handelnden Personen. Ead, die sich im Palast des Königinnenreichs von Inys als Kammerzofe verdingt, war mir die liebste Protagonistin. Sie ist bisher auch die Interessanteste für mich, das ergibt sich aus ihrer Herkunft, Vergangenheit und ihren Fähigkeiten. Sie ist auch diejenige, die den größten Wandel durchläuft und zwar so überzeugend, dass sich meine Sympathien den ihren anpassen. Denn das Königinnenreich wird bedroht – und das erfordert Bündnisse, ob gewollt oder nicht.
Die anderen Personen sind natürlich auch auf ihre Weise interessant. Vor allem Tané, die im Osten der Welt lebt und einem ganz anderen Glauben angehört als der Westen oder Süden und die gegen die Gesetze ihres Landes verstößt, vor lauter Ehrgeiz und Egoismus. Oder aber auch Nicolays, der mir am unsympathischten ist, verbannt aus Inys ans andere Ende der Welt und wie verbissen nach einem ganz besonderen Elixier forschend. Loth, der vierte Protagonist, bleibt, zumindest in diesem ersten Teil, der für mich Fremdeste. Doch durch ihn lernen wir die Welt am besten kennen, denn er hat eine schwierige Mission auferlegt bekomme, die ihm alles abverlangt.
Es wird viel erzählt, viel geredet, viel erklärt und sich viel Zeit gelassen, alles genau zu beschreiben. Das muss man mögen und sich drauf einlassen. Ich mag es sehr und hab es richtiggehend genossen. Und auch wenn ein Personenglossar  von knapp 10 Seiten abschrecken mag, habe ich selbst den Start in die Geschichte nicht als verwirrend empfunden. Sie hat mich einfach von Anfang an mitgerissen mit ihrer Ruhe, ihren Ausschweifungen und ihren Details.

Das im Original als Einzelband erschienene Buch ist im Deutschen leider geteilt worden. Mal wieder nicht unbedingt nachvollziehbar, denn andere Verlage bringen auch Dickerchen von 1.000 Seiten auf den Markt. Doch in zweierlei Hinsicht nicht so schlimm: Die Teilung ist gut gelungen. Wüsste man es nicht, könnte man annehmen, der Cut ist gewollt. Und: Der zweite Teil ist schon einen Monat später erschienen. Ahja, ein dritter Punkt ist auch nicht zu verachten: Ich weiß, dass ich bald nochmal in diese Welt eintauchen kann. 5 Sterne.

Klappentext

Eine Welt voller Drachen, starker Frauenfiguren und politischer Intrigen – umwerfender Fantasy-Stoff grandios erzählt!

In ihrem epischen Fantasy-Roman „Der Orden des geheimen Baumes“ hebt Samantha Shannon das Genre auf die nächste Stufe. Mächtige Frauen lenken und beeinflussen das Schicksal ihrer Welt, ob als Königin, Magierin oder Drachenreiterin. Doch die Welt ist geteilt: Während im Westen alle Drachen als absolut böse verdammt werden, werden diese im Osten als göttergleiche Wesen verehrt. Trotz dieser gegensätzlichen Weltanschauungen müssen die Menschen des Ostens und des Westens zusammenarbeiten, als ein riesiger bösartiger Drache aus der Vergangenheit wieder aufersteht. Drei starke Frauen nehmen die Herausforderung an, die Bewohner beider Reiche zu vereinen, um die Menschheit zu retten …
In diesen Momenten – wenn Glaubenssysteme kollidieren und eine detailreiche Welt entsteht – ist Samantha Shannon in Bestform.

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Für einen Blick ins Buch klicke auf das Cover

Bibliographie

Penhaligon
Übersetzt von Wolfgang Thon
Band 1 von 2 der Reihe ‚Der Orden des Geheimen Baumes‘
ET: 21.09.2020
Hardcover 20,00 €, eBook 15,99 €
544 Seiten
ISBN: 978-3-7645-3239-0
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