Rezensionen

Matt Haig: Die Mitternachtsbibliothek

(Werbung – Rezensionsexemplar)

‚Die Mitternachtsbibliothek‘ von Matt Haig war mein erstes Buch des Autors. Und es hat mich schon auf den ersten Seiten verzaubert, mit seiner Poesie, seiner Einfühlsamkeit und den philosophischen Gedanken. Und der Erkenntnis, dass man den nicht gelebten Leben nicht hinterhertrauen soll – denn diese sind nur in unserer Vorstellung perfekt.

Matt Haigs Schreibstil ist unglaublich einnehmend und lässt mich nur so durch die Geschichte fliegen. Das Buch hat 320 Seiten und ich habe es innerhalb eines Tages gelesen. So gefesselt war ich von Noras Geschichte und der genialen Idee, die Matt Haig hier offenbart. Denn wie oft fragt man sich, wie sein Leben wohl ausschauen würde, hätte ich mich damals anders entschieden? Besser oder schlechter, erfolgreicher oder erfolgloser, glücklicher oder unglücklicher? Ein Gedankenspiel, bei dem das echte Leben zu oft verlieren wird. Denn das ‚Was wäre wenn‘ wird gern glorifiziert und als verpasste Chance angesehen.

Matt Haig führt in seiner einfühlsamen und dabei so traurig-melancholischen Geschichte Protagonistin Nora die Leben vor Augen, die sie gelebt hätte, hätte sie sich an einem bestimmten Punkt ihres Lebens anders entschieden. Auf der Schwelle zwischen Leben und Tod findet sie sich in der Mitternachtsbibliothek wieder, in ihrer persönlichen Sammlung der Geschichten über die Leben, die sie verpasst hat. Ich mochte an Nora vor allem, dass ich mich so gut in sie einfühlen konnte. Ich verstehe, warum sie manche Entscheidungen eben genau so  und nicht anders getroffen hat. Das macht sie für mich greifbar und sympathisch.
Sie reist in diese Leben einer fremden Person, die eigentlich Nora  selbst ist und es doch nicht ist. Wäre dieses Leben das perfekte Leben, das, in dem sie bleiben möchte? Doch oft ist der Grund, warum gerade dieses Leben nicht das perfekte ist, oberflächlich gewählt und es wirkt, als wäre ein negativer Moment ausschlaggeben, das ganze Leben abzulehnen. Das fand ich schade, denn es vermittelt die falschen Grundsätze. Doch ich weiß, dass die Geschichte nur deswegen funktioniert. Denn mehr Tiefe hätte das Buch womöglich zu sehr aufgebauscht, es hätte sich in Nebensächlichkeiten verloren und viel von seinem Zauber einbüßen lassen.

Haigs Geschichte spielt mit der Viele-Welten-Interpretation in der Quantenphysik, die davon ausgeht, dass es eine unendliche Anzahl Paralleluniversen gibt und wir in jedem Moment des Lebens ein neues Universum betreten, mit jeder Entscheidung, die getroffen wird. Ich finde die Vorstellung darüber, dass unzählige Welten, die nur Millimeter von uns entfernt sind und doch unerreichbar, so aufregend wie unbegreiflich. Man merkt den philosophischen Ansatz der Geschichte in jedem Satz, in jedem Wort und selbst Protagonistin Nora hat einen Abschluss in Philosophie. Ich liebe diesen kleinen Einblick in die existenziellen Fragen des Lebens und über die verpassten Chancen, die Gedanken dazu. Es fühlt sich an wie Philosophie light, für jemanden wie mich, die gerne in solchen Gedankenspielen versinkt, sich aber nicht zu wissenschaftlich damit auseinandersetzen will.
Die Geschichte hat es auf jeden Fall geschafft, mich zum Nachdenken anzuregen. Und sie hat mich viele Dinge in einem neuen Licht sehen lassen.

Ich verstehe jedoch auch die Kritiken an der Geschichte. Noras Beschluss, sich das Leben zu nehmen, bleibt unkommentiert, unaufgearbeitet. So einfach, wie es dargestellt wird, ist es im echten Leben leider nicht. Für mich liegt der Fokus weniger auf der Aufarbeitung und Verarbeitung, sondern eher auf der Erkenntnis, dass manche Dinge einfach Schicksal sind und wie vorherbestimmt wirken, die außerhalb deines Einflusses, deiner Gewalt liegen. Und auf dem Bewusstsein darüber, dass ein anderes Leben vielleicht oberflächlich betrachtet schön wäre – aber es wäre trotz alledem nicht dein Leben. 5 Sterne.

Klappentext

Stell dir vor, auf dem Weg ins Jenseits gäbe es eine riesige Bibliothek, gesäumt mit all den Leben, die du hättest führen können. Buch für Buch gefüllt mit den Wegen, die deiner hätten sein können.
Hier findet sich Nora Seed wieder, nachdem sie aus lauter Verzweiflung beschlossen hat, sich das Leben zu nehmen. An diesem Ort, an dem die Uhrzeiger immer auf Mitternacht stehen, eröffnet sich für Nora plötzlich die Möglichkeit herauszufinden, was passiert wäre, wenn sie sich anders entschieden hätte. Jedes Buch in der Mitternachtsbibliothek bringt sie in ein anderes Leben, in eine andere Welt, in der sie sich zurechtfinden muss. Aber kann man in einem anderen Leben glücklich werden, wenn man weiß, dass es nicht das eigene ist?
Matt Haig ist ein zauberhafter Roman darüber gelungen, dass uns all die Entscheidungen, die wir bereuen, doch erst zu dem Menschen machen, der wir sind. Eine Hymne auf das Leben – auch auf das, das zwickt, das uns verzweifeln lässt und das doch das einzige ist, das zu uns gehört.

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Für einen Blick ins Buch klicke auf das Cover

Bibliographie

Droemer HC
Übersetzt von Sabine Hübner
Einzelband
ET: 01.02.2021
320 Seiten
Hardcover 22,00 €, eBook 17,99 €
ISBN: 978-3-426-28256-4
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