Rezensionen

R.F. Kuang: Katabasis

(Werbung – Rezensionsexemplar)

‚Katabasis‘ von R.F. Kuang, übersetzt von Alexandra Jordan und Heide Franck, ist DIE Neuerscheinung des Spätsommers. Gefühlt jede*r liest es oder will es lesen, die Platzierung auf der Spiegel-Bestseller-Liste war da fast vorprogrammiert. Kuang ist eine Autorin, von der ich blind alles lese und lesen werde, das sie jemals schreiben wird. Ja, auch zukünftig wird das so sein, selbst wenn ihr neuestes Werk und ich leider so gar keinen gemeinsamen Nenner gefunden haben.

Kuang schickt in ‚Katabasis‘ ihre zwei Protagonist*innen in die Hölle, diese möchten ihren verstorbenen Mentor zurückholen. So weit, so spannend. Doch bis auf Kuangs Schreibstil, der wieder geschliffen klar und einfach zu lesen ist, hat mich diese Reise leider nicht begeistern können. Meine Rezension enthält Spoiler, bitte lese nicht weiter, wenn du unvoreingenommen in die Geschichte gehen möchtest.

Beginnen wir mit der Hölle. Kuang hat sich mit den philosophischen Konzepten zum Aufbau auseinandergesetzt, mit den Höfen, dem Fluss Lethe usw. Allerdings sind die Beschreibungen der Hölle langweilig und haben wenig Wiedererkennungswert. Kuangs Hölle ist ein Campus, bevölkert von verstorbenen Akademiker*innen. An sich ziemlich cool, aber dadurch auch sehr einseitig. Zu Beginn bekommt man als Leser*in noch mehr Details gezeigt, irgendwann rennen die beiden Hauptfiguren aber nur noch durch die Gegend, ein Hof gleicht dem anderen oder wird gänzlich übersprungen. Sehr unbefriedigend für mich, denn: Wie zur Hölle schafft man es, dieselbige so fad darzustellen? Die Hölle strotzt ja eigentlich nur so vor religiösem und mythologischem Angebot, jede Kultur hat ihre eigene Vorstellung davon. Kuangs Hölle allerdings hat nicht eine interessante Ausprägung und dient nur als Kulisse für.. ja, was eigentlich? Philosophische und mathematische Konzepte, die weder zielführend noch befriedigend sind? Für eine unausgegorene Handlung und blasse Figuren?

Die beiden Hauptfiguren Alice und Peter, die sich laut Kuang an ihr selbst und ihrem Mann orientieren, bleiben nämlich oberflächlich und eindimensional. Und wenn Alice sich mal wieder selbst lobt, bleibt ein Geschmäckle zurück, ebenso, wenn sie sich als besonders dumm und unwissend darstellt. Tiefstapeln steht Kuang einfach nicht.
Es hilft auch nicht, dass mit Rückblenden erzählt wird, warum sie ihren Mentor aus der Hölle holen wollen. Erstens kommen die Erklärungen viel zu spät in der Geschichte und sind deswegen zweitens für mich überhaupt nicht überzeugend. Alice zieht zwar die Feminismuskarte, sie ist aber keine Feministin. Im Gegenteil. Sie verachtet andere Frauen, vor allem Aktivist*innen, das blitzt immer wieder hervor. Außerdem wurde sie bis dahin nie schlechter behandelt als männliche Kollegen, hatte keinerlei Nachteile gegenüber den Männern. Und auf einmal soll sie so viel darunter gelitten haben, obwohl sie ihren eigenen Erzählungen nach noch mit ihrer Weiblichkeit gespielt und ihre Vorzüge ausgenutzt hat? Ja, man kann sagen, dass ihr Mentor zu allen ein Arschloch war, nicht nur zu Frauen. Umso unverständlicher, warum Alice ihn zurückholen will. Achja, da kommt ja auch auf einmal dieser Twist aus dem Nichts.
Peters Geschichte hat auch keine Relevanz für die momentane Situation, er war und ist (eigentlich) sehr krank. Aber zufällig hat er seine Krankheit aktuell so im Griff, dass man bis zur entsprechenden Rückblende kaum etwas davon mitbekommt. Kaum, da er viele Fehlzeiten hat, diese aber natürlich erst mal nur mit seinem Verhalten als typischer Luftikus erklärt werden. Als er sich opfert, berührt mich das überhaupt nicht. Die Figuren sind mir tatsächlich sehr egal. Die Liebesgeschichte? Völlig unüberzeugend und kein bisschen nachvollziehbar.

Wer Kuangs ‚Babel‘ gelesen hat, das auch viel, nennen wir es mal.. akademischen Content, enthalten hat, und dem*der es da schon ZU viel war – Finger weg von ‚Katabasis‘. Die Geschichte strotzt nur so vor mathematischen und philosophischen Konzepten, ist davon völlig überladen, bleibt dabei aber so oberflächlich, dass es oberflächlicher gar nicht mehr geht und nimmt dadurch auch den Lesefluss total raus. Ich recherchiere gerne zu Büchern, auch, um mein Wissen zu erweitern. Aber hier wäre man vor lauter Recherche kaum mehr zu lesen gekommen. Kuang knallt eine Theorie nach der anderen hin, ohne irgendetwas dazu anzubieten, ohne mich als Leserin an die Hand zu nehmen und mein Interesse oder meinen Wissensdurst zu wecken. Es wirkt, als ob sie allen zeigen möchte, dass sie auf Eliteunis studiert hat. Dass man erkennt, wie klug und gebildet sie ist. Also ob sie das nötig hätte. Die Figuren diskutieren aber dann zum Beispiel nicht darüber, Alice meint meist nur, sie kenne das Konzept nicht oder verstehe es nicht. Super, das bringt mich als Leserin kein bisschen weiter. Es wird also nicht diskutiert, meist auch nicht näher erläutert. Sehr frustrierend und auf keinen Fall zielführend oder wissensbildend. Es bläht die Geschichte nur auf und ist der Sargnagel meiner einstigen Vorfreude auf die Geschichte. Die letzten 100 Seiten (das Buch ist soo dick für so wenig Inhalt) habe ich nur noch überflogen, es kamen eh nur noch wenig überzeugende Antagonist*innen vor, die mir ebenso egal waren die beiden Hauptfiguren. 2 Sterne für eine Geschichte, die mir auf andere Weise Höllenqualen beschert hat (und dabei habe ich die schockierenden Szenen, die nur der Provokation wegen eingebaut wurden und keinerlei Tiefgang aufweisen, gar nicht erwähnt).

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Katabasis, Substantiv, Altgriechisch: Die Geschichte eines Helden, der in die Unterwelt hinabsteigt.

Alice Law hat ihr ganzes Leben lang nur ein Ziel verfolgt: die Beste auf dem Feld der Analytischen Magie zu werden. In Cambridge, als Doktorandin des weltberühmten Professors Jacob Grimes, scheint ihr Traum endlich in Erfüllung zu gehen. Zumindest, bis Grimes bei einem Unfall stirbt, an dem Alice möglicherweise nicht ganz unschuldig ist. Kurzerhand beschließt sie, ihrem Professor in die Hölle zu folgen. Dumm nur, dass ihr Erzrivale Peter Murdoch dieselbe Idee hat.

Mit den Berichten von Orpheus, Dante und T. S. Eliot im Gepäck brechen die beiden auf, um die Seele ihres Mentors zu retten – welchen Preis sie dafür auch zahlen mögen. Doch die Hölle ist nicht so, wie erwartet, und Magie nicht die Antwort auf alles. Denn Alice und Peter verbindet etwas, das sie entweder zu perfekten Verbündeten macht oder für ihren Untergang verantwortlich sein wird.

Erschienen bei Eichborn
Einzelband
Autor*in: R.F. Kuang
Übersetzt von Alexandra Jordan und Heide Franck
ET: 26.08.2025
Seiten: 656
ISBN: 978-3-8479-0216-4

Eine Bestellmöglichkeit und einen Blick ins Buch gibt’s hier

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