Andrew Joseph White: The Spirit Bares Its Teeth
(Werbung – Rezensionsexemplar)
Andrew Joseph White hat sich für mich in kürzester Zeit zu einem Autor entwickelt, von dem ich ALLES lesen will. Ich mag es, wie er Young Adult Fantasy Horror und Gesellschaftskritik mischt. Auch bei ‚The Spirit Bares Its Teeth‘, übersetzt von Katrin Aust, ist diese wieder zu spüren. Selbst wenn die Geschichte in einem viktorianischen London spielt. Der (feministische) Kampf gegen ein System, das Menschen diskriminiert, ist heute nicht weniger wichtig.
Silas ist ein Transjunge und sieht gar nicht ein, jemandem eine brave Speaker-Ehefrau zu werden. Doch das ist das Schicksal, dass seine Eltern für ihn vorgesehen haben. Nachdem ein Versuch scheitert, diesem Plan zu entgehen, findet er sich in einem Sanatorium wieder, in dem Frauen, sagen wir mal.., wieder auf Linie gebracht werden soll. Eine Linie, die natürlich von Männer definiert wird. Der Ansatz in diesem Einzelband ist gleich von Beginn an erkennbar: Ein feministischer Kampf in einer Welt, die von Männern dominiert wird. In der Frauen die traditionellen Rollen zu erfüllen haben, die sich das Patriarchat wünscht: Am Herd, im Kinderzimmer, mit einer Tasse Tee im Salon, Gäste empfangend. Dabei haben sie leise und zart zu sein, auf keinen Fall zu widersprechen. White rennt bei mir mit so einer Geschichte offene Türen ein. Ich bin Einstiegsfeministin und versuche im Alltag andere Frauen* zu unterstützen, sei es nur durch kleine Gesten. Zu lesen, wie diese in vergangenen Jahrhunderten behandelt wurden, löst in mir nur kaltes Grausen aus. Denn selbst wenn Whites Geschichte Fiktion ist, sind es die Schilderungen der Grausamkeiten nicht. Natürlich hat er sich Freiheiten bei der Erzählung historischer Fakten genommen, aber dass vor allem ethnische Minderheiten, Queere, Frauen und Behinderte als nicht den sozialen Normen entsprechend angesehen wurden, ist Fakt. Sie waren diejenigen, die „medizinische“ Experimente jeglicher Art erleiden mussten. Schon allein das ist Horror genug, aber es nochmal in einer Geschichte verpackt serviert zu bekommen, hat mich besonders mitgenommen. Nicht mal unbedingt wegen der Nähe zu den Figuren, die ich nur zu ein paar der Charaktere verspürt habe. Nein, vor allem wegen des Systems, das dahintersteckt. Wer alles von den grausamen Experimenten wusste, wer sie unterstützt hat. Sei es durch aktive Mitarbeit oder durch schlichtes passives geschehen lassen. Das ist übrigens auch auf die heutige Zeit übertragbar. Das System schützt die Menschen mit Macht, Reichtum und Einfluss. Sie sind vernetzt, unterstützen sich und fördern dadurch eine Gesellschaft, die alle ausschließt, die nicht so sind wie sie. Die andere ausbeutet, klein haltet und ihnen einredet, dass sie nicht so viel wert sind, wie sie.
Der Fantasyaspekt der Story tritt durch diese Präsenz des Kampfes gegen ein unterdrückendes System fast ein bisschen in den Hintergrund. Das zeigt aber mal wieder, wie oft Fantasyromane reale Themen aufgreifen, aufzeigen und bewerten. Und wie politisch lesen ist. 5 Sterne!
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London, 1883. Der sechzehnjährige Silas Bell ist trans und würde sich lieber seine violetten Augen ausreißen, als eine gehorsame Speaker-Ehefrau zu werden. Doch es spielt keine Rolle, dass er ein Junge ist und nicht das Mädchen, das die Welt unbedingt in ihm sehen will. Nach einem gescheiterten Versuch, einer arrangierten Ehe zu entkommen, wird bei Silas die Schleierkrankheit diagnostiziert – eine mysteriöse Krankheit, die violettäugige Frauen in den Wahnsinn treibt – und er wird in das Braxton-Sanatorium verfrachtet. Als die Geister vermisster Schüler Silas um Hilfe bitten, beschließt er, in Braxtons Inneres vorzudringen und der Welt dessen Eingeweide zu zeigen – vorausgesetzt, die Schule wird ihn nicht vorher zerstören.
Erschienen bei Cross Cult
Einzelband
Autor*in: Andrew Joseph White
Übersetzt von Katrin Aust
ET: 03.11.2025
Seiten: 400
ISBN: 978-3-98666-728-3
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