Rezensionen

Kim Liggett: The Grace Year

Ich habe viel von ‚The Grace Year‘ von Kim Liggett erwartet, da die Meinungen eigentlich fast durchwegs begeistert waren. Ich habe dann auch ein dystopisches Highlight bekommen, beklemmend, brutal und unglaublich spannend. Ein paar kleine Kritikpunkte habe ich dennoch, auch wenn mir die Geschichte definitiv im Gedächtnis bleiben wird.

Ich weiß nicht, was das Erschreckendste an diesem Buch ist. Vielleicht die Rolle der Frau? Die keine  andere Aufgabe hat als die zu dienen. Entweder in einem Arbeitslager oder, sollte sie das „Glück“ haben, von einem Mann als Braut ausgewählt zu werden, ihrem Zukünftigen. Kinder bekommen, das Heim putzen und pflegen und der Willkür des Mannes ausgeliefert sein. Der hat sich in eine andere verkuckt? Kein Problem, da wird die Ehefrau als besessen bezichtigt und hingerichtet. Es ist teilweise schon sehr drastisch beschrieben, aber gerade diese erniedrigende Darstellung der Frau ist das, was mich so wütend gemacht hat. Denn das ist mitnichten dystopisch, denn viele Frauen müssen Demütigungen ertragen, die Willkür ihrer Männer, deren Eigentum sie sind.
Oder war das titelgebende Gnadenjahr das Erschreckenste? Mädchen eines bestimmten Alters werden ein Jahr in ein Camp gesteckt, um ihnen ihre Magie auszutreiben. Denn Männer verhexen, damit sie böse Sachen machen wie rumhuren oder sich verführen lassen, das geht ja gar nicht! Vielleicht war auch der Umgang der Mädchen untereinander das Erschreckendste, die Gruppenbildung, die Ausgrenzung, die Boshaftigkeit der Mädchen im Camp. Ich kann es nicht genau sagen, aber die Mischung aus allem macht dieses Buch zu einer spannenden und fesselnden Reise in menschliche Abgründe. Denn wie schon gesagt, trotz des dystopischen Settings sind die Handlungen der Figuren mitnichten unrealistisch, im Gegenteil. Wie oft sieht man, dass die Unterdrückten selbst unterdrücken, sobald sie ein bißchen Macht bekommen? Wie oft liest man über Fälle häuslicher Gewalt oder ist sogar selbst Opfer? In wie vielen Teilen der Welt sind Frauen nicht viel wert und werden dementsprechend behandelt?
Eine Geschichte, die zum Nachdenken anregt.

Doch obwohl ich von der Idee hinter der Geschichte begeistert bin und sie mich gefesselt hat, habe ich ein paar Kritikpunkte. Mir war z.B. die Liebesgeschichte viel zu oberflächlich. Es ist wohl viel Zeit vergangen, damit sich die beiden Liebenden kennen- und lieben lernen können. Doch diese Zeit bekommt der Leser nicht mit. Sonst wird viel Zeit auf Beschreibungen verwendet, doch hier war ich völlig in der Luft hängend. Somit konnte ich die Gefühle nicht nachvollziehen und eine Schlüsselszene ließ mich deshalb weitestgehend kalt. Das ist schade.
Dann hätte ich gerne noch mehr Beschreibungen der Welt bekommen. Ich weiß immer noch nicht, wie das County, in dem die Geschichte spielt, zu anderen Orten der Welt steht. Welche Welt ist es? Unsere? Eine alternative? Ich brauche Worldbuilding, sonst bin ich unzufrieden! Hier ist es jetzt nicht so schlimm, denn es ist irrelevant für die Geschichte. Aber ich will es wissen!
Letzter Kritikpunkt gilt nicht der Geschichte, sondern dem Untertitel. „Ihr Widerstand ist die Liebe“. Ernsthaft? Klingt nach 0815 und wird der brutalen und grausamen Geschichte kein bißchen gerecht. Denn das erwarte ich bei einem derart schmalzigen Untertitel auf keinen Fall. Also, nicht beirren lassen, du bekommst keine kitschige Romantasygeschichte!

Trotz der Kritikpunkte gibt es für ‚The Grace Year‘ die volle Punktzahl, denn die Geschichte ist so gewaltig und eindringlich, dass die lange im Gedächtnis bleibt. Und vielleicht gibt es ja irgendwann mal eine Fortsetzung, das Ende würde eine solche geradezu anbieten. Denn wo Menschen unterdrückt werden, ist auch Hoffnung. Hoffnung auf Freiheit, auf Veränderung, auf eine bessere Welt. 5 Sterne.

Klappentext

„Niemand spricht über das Gnadenjahr. Es ist verboten.“
In Garner County heißt es, dass junge Frauen die Macht besitzen, Ehemänner aus ihren Betten zu locken und Jungen in den Wahnsinn zu treiben. Um diese Kräfte zu verlieren, werden sie für ein Jahr in die Wildnis verbannt. Wer zurückkommt, wird verheiratet oder ins Arbeitshaus geschickt. Aber es kommen nie alle lebend zurück.
Nur in ihren Träumen ist Tierney James frei, umgeben von Rebellinnen. Doch als ihr Gnadenjahr beginnt, spürt sie erst, wie tief verwurzelt der Hass ist. Denn nicht die Natur oder die tödlichen Wilderer, die ihnen auflauern, sind die größte Gefahr. Es sind die Mädchen selbst.

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Bibliographie

Dressler Verlag
Einzelband
Übersetzt von Birgit Salzmann
ET: 24.02.2020
Hardcover 22,00 €, eBook 14,99 €
416 Seiten
Ab 14 Jahre
ISBN: 978-3-7915-0162-8
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