Rezensionen

Kyra Groh: Mein Leben als lexikalische Lücke

(Werbung – Rezensionsexemplar)

‚Mein Leben als lexikalische Lücke‘ von Kyra Groh ist ein Jugendbuch genau nach meinem Geschmack. Klug, lehrreich, unterhaltsam, gefühlvoll und tiefgehend. Es setzt sich mit Dingen auseinander, die mitten aus dem Leben gegriffen und darum so wichtig sind: Alltagsrassismus, Veganismus, Klimaschutz und viele andere Themen mehr, die Jugendliche heute auf ihrem Weg ins Erwachsenenleben begleiten. Und mit der Erkenntnis, dass ich als Erwachsene ein Verhalten vorleben soll und muss, das niemanden verletzt, niemanden ausgegrenzt oder in irgendeiner anderen Art und Weise diskriminiert. Denn wir haben für jeden Platz in unserer Welt.

Kyra Grohs zweiter Roman besticht mit einem tollen Schreibstil, er ist locker-leicht, jugendlich und flüssig zu lesen. Er passt zu den Protagonisten  im Teenageralter, und bringt dabei die Themen, die sie behandelt, sehr angenehm in der Geschichte unter. Ich fühle mich nach dem Lesen der Geschichte ziemlich glücklich, denn ich stelle mir vor, dass Jugendliche sie lesen werden und dann darüber nachdenken, was wirklich wichtig ist in unserer Gesellschaft: Freundschaft, Toleranz, Akzeptanz, Offenheit. Und der Mut, sich für das zu positionieren, was einem wichtig ist, sich für das Gute stark zu machen und Hass, Diskriminierung und Rassismus keine Chance zu geben.

Auch wenn ich mit Mitte 30 nicht unbedingt der Zielgruppe entspreche, konnte ich mich gut in Jule und Benni hineinversetzen und ihre Gedanken und Handlungen nachvollziehen. Ich war schließlich auch mal Teenager und konnte mich in manchen Dingen wiedererkennen, mitunter auch ein bisschen in Jule. Ich mochte aber beide Protagonisten total, herzlich, authentisch und beide in einer Phase ihres Lebens, in dem sie sich viele Fragen stellen: Wer bin ich? Wer will ich sein? Und kann ich nicht einfach Ich sein?

Da wäre einmal Jule, sympathisch, grammatikalisch korrekt, aufgeweckt und klug. Jule, die sich nicht so traut, ihren Eltern von ihren Überzeugungen zu erzählen, da sie Angst vor deren Reaktion hat. Kein Wunder, sie sind das Ebenbild von Ignoranz und Engstirnigkeit. Mit einem arbeitslosen Bruder, der sich die falschen Freunde sucht und Jule mit ihrem Instragramaccount aufzieht. Ein Mädchen, dass sich für Jungs, die sie interessant findet, Geschichten ausdenkt, in Gedanken ein Leben spinnt. Und die ein bisschen zu ihrer Freundin aufschaut, die so mutig ist, so offen und die eine so aufgeschlossene und hippe Mutter hat, die sie in allem unterstützt.
Und dann ist da noch Benni, der schöne Wörter sammelt und Wörter, die Dinge beschreiben, für die es im Deutschen keinen Ausdruck gibt. Oder in anderen Sprachen. Der bei seiner gläubigen Mutter aufwächst und der lieber mit Jesus einschlafen soll als mit einem Mädchen. Der Arzt werden will, weil sein Vater, den er nicht kennt, auch Arzt ist. Der so sensibel und unsicher ist und einfach nur mal raus möchte, weg von der einengenden Liebe seiner Mutter. Ein Junge, dessen bester Freund weggezogen ist, um zu studieren, und der jetzt eigentlich ziemlich alleine ist.

Diese beiden Menschen, die sich selbst als lexikalische Lücken sehen, die nirgends reinpassen und dazugehören, treffen aufeinander. Und ich liebe es so sehr. Ihre klugen Gespräche, ihr anfangs unsicherer Umgang miteinander, das Kennenlernen, Abtasten, das einander Verstehen. Sie haben weise Gedanken, sind dabei aber nicht übertrieben philosophisch. Nein, sie bleiben bodenständig und diskutieren Dinge, so wie man sie diskutiert, wenn man sich ernsthaft Gedanken über ein Thema macht und sich ein bisschen genauer mit der Problematik auseinandersetzt. Nicht nur oberflächlich, sondern tiefgründig, ernst und nachvollziehbar.

Und mir gefällt es, wie wichtig Sprache und das Wort in diesem Buch sind. Wusstest du z.B., dass es für unser „Abendbrot“ keine Entsprechung in einer anderen Sprache gibt? Oder dass es im Griechischen ein Wort gibt, das den Geruch von Regen auf trockener Erde beschreibt? Ich nicht. Aber ich finde es schade, dass es dafür kein deutsches Wort gibt. Es ist nämlich ein schöner Geruch. 5 Sterne.

Klappentext

Benni macht ein Praktikum im Frankfurter Krankenhaus und hat Angst, dass er es nie schaffen wird: Blut abzunehmen, vom nerdigen Benni zum coolen Ben zu werden, den allgegenwärtigen Kruzifixen in der beengten Wohnung seiner Mutter zu entkommen. Eingeengt fühlt sich auch Jule, und zwar von dem Weltbild ihrer Eltern. Denn die haben absolut kein Verständnis für vegane Ernährung, Freitagsdemonstrationen oder Anti-Rassismus-Plakate. Und sie würden schon gar nicht verstehen, dass ihre Tochter eigene Ideale vertritt und Teil einer Veränderung sein möchte, die die Welt so dringend braucht. Als die beiden innerlich zerrissenen Teenager aufeinandertreffen, wird ihr Leben bunter, komplizierter, aber auch so viel erträglicher!

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Bibliographie

Arctis Verlag
Einzelband
ET: 18.03.2021
Hardcover 18,00 €, eBook 13,99 €
448 Seiten
Ab 14 Jahren
ISBN: 978-3-03880-044-6
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